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<title>aufgelesen.org</title>
<link>http://aufgelesen.org</link>
<description>Buchrezensionen</description>
<language>de-DE</language>
<copyright>Alexander Schau</copyright>
<lastBuildDate>Mon, 02 Aug 2010 01:51:43 CEST</lastBuildDate><item><title>aufgelesen.org: "Abbitte" von Ian McEwan</title><pubDate>Mon, 02 Aug 2010 01:51:43 0</pubDate><description>Ein Augenblick, der seidene Faden und die späte Reue eines Mädchens mit verhängnisvoller Fantasie. Es ist der heißeste Tag des Jahres 1935. Auf dem Landhaus der Familie Tallis herrscht Trubel und Aufregung: Leon Tallis kommt nach Hause und seine 13-jährige Schwester Briony hat im letzten Moment ihr Theaterstück »Die Heimsuchungen Arabellas« vollendet. Dass die Aufführung nicht stattfinden wird, rückt in den Hintergrund, als Briony beobachtet, wie sich ihre ältere Schwester Cecilia vor Robbie Turner auszieht, in Unterwäsche in den Brunnen springt und wieder auftaucht.
Briony missdeutet ihre Beobachtung, ebenso wie ein einzelnes Wort in Robbies Brief an Cecilia, den Blick in die Bibliothek und die Geschehnisse in jener Nacht im Garten des Landhauses. Der Stein eines irreversiblen Fehlers ist gelegt, der die Leben von Robbie, Cecilia und Briony ins Rollen bringt.

Die Schilderungen des schicksalhaften Abends nehmen den größten Raum des Romans ein. Die Ausdehnung eines einzigen Abends wird genutzt, um dem Leser die Charaktere Robbie, Cecilia und Briony vorzustellen und diese sowohl alleine, als auch in Interaktion miteinander erleben zu lassen. Wer sich als Leser durch den ersten - zugegebenermaßen stellenweise langatmigen und detailverliebten  - Teil des Romans und die langen Sätze geschlängelt hat, wird mit einem Sog an Empfindungen entlohnt, dem es sich nur schwer zu entziehen gelingt. Kombiniert mit dem Mittel des multiperspektivischen Erzählens wird wunderbar gezeigt, wie unterschiedlich die Charaktere den Augenblick wahrnehmen und der Blick auf die Geschehnisse ergänzt wird.

Eindrucksvoll, atmosphärisch und detailreich schildert der Erzähler Robbies Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs in gleicher Weise wie den straffen Tagesablauf auf der Krankenstation, auf der Briony als Lernschwester arbeitet. Auf Basis einer vorbildlichen Recherche gelingt es McEwan, viele Details einzustreuen, die mit der Geschichte und dem Erzählfluss verschmelzen.

Die erzählte Zeit erstreckt sich über 64 Jahre. Nahezu genauso lange 
braucht Briony, um Abbitte zu leisten - Abbitte über die Geschichte einer tragischen Figur, deren gesamtes Leben im Schatten eines einzigen Augenblicks steht.

[Rezension von Ann-Christin Helmke]</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=193</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Cannery Row" von John Steinbeck</title><pubDate>Mon, 19 Jul 2010 19:40:53 0</pubDate><description>John Steinbecks »Cannery Row« ist ein wunderschönes kleines Buch, das man genießen sollte, so wie man einen guten Wein genießt. Es ist ein Mikrokosmos von liebenswerten Verlieren und eine Liebeserklärung an den Heimatstaat des Autors: Kalifornien. Die Kapitel sind wie die Teile eines Puzzles. Jedes Kapitel erzählt seine eigene kleine Geschichte, hat seine eigenen Hauptcharaktere, seine eigene Stimmung oder Zeit und doch fügt sich am Ende alles zu einem fertigen Gesamtbild zusammen. Es wäre unmöglich, die ganze Palette an liebenswerten Figuren aufzuzählen, die in diesem Buch vorkommen, doch gibt es einige, die den harten Kern der Geschichten bilden.

Da ist Doc, der so etwas wie das Zentrum der Geschichten ist. Er besitzt ein Labor und verkauft Meerestiere an wissenschaftliche Institutionen. Er hat für jeden ein offenes Ohr und ist immer zur Stelle, wenn es Probleme gibt. Die Bewohner von Cannery Row lieben ihn und wollen ihm immer etwas Gutes tun, doch am Ende zahlt er bei diesen Versuchen meist selbst drauf, was ihn nicht zu stören scheint. Dann wären da noch Lee Chong, in dessen Laden man (fast) alles bekommt, sowie Mack und seine Bande von Tunichtguten, die in den Tag hinein leben und nur versuchen  sich ohne große Anstrengungen durchzuschlagen. 

Mack und seine Jungs wollen für Doc eine Party geben, die in einem Chaos endet und den roten Faden bildet, der die einzelnen Geschichten zusammenhält.

[quote]Hazel kicked sand on the fire. &#147;I bet Mack could of been president of the US  if he wanted,&#148; he said. &#147;What could he do with it if he had it?&#148; Jones asked. &#147;There wouldn&#146;t been be no fun in that.&#148;[/quote]

John Steinbeck gelingt es mit seinen Worten  eine magische Atmosphäre zu schaffen. Die Geschichten spielen sich in einem Zwischenraum zwischen Tag und Nach ab, den der Autor selbst als &#132;»die Stunde der Perle«&#147; bezeichnet. 

[quote]It is the hour of the pearl &#150; the interval between day and night when time stops and examines itself.[/quote]

Die Sprache des Buches ist sehr poetisch, so dass ich mich immer wieder dabei ertappt habe, wie ich bestimmte Zeilen wieder und wieder las, weil sie so treffend einfach geschrieben sind. Das Buch ist wie ein langes Gedicht, das den Ort &#132;Cannery Row&#147; in der Vorstellung entstehen lässt.
Es ist von der Sprache wirklich nicht schwierig zu lesen, doch sollte man sich Zeit lassen, denn beim oberflächlichen Lesen geht viel von der faszinierenden Schönheit dieses Werks verloren.

[i][Rezension von Arne][/i]</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=192</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Rebecca" von Daphne du Maurier</title><pubDate>Mon, 19 Jul 2010 19:32:44 0</pubDate><description>Die junge Frau mit dem außergewöhnlichen Namen, der jedoch nie genannt wird, fühlt sich absolut fehl am Platze. Als schüchterne Gesellschafterin der tratschenden Mrs Van Hopper lernt sie in Monaco den reichen Maxim de Winter kennen. Dieser ist allseits bekannt und man sagt, er habe vor Kurzem seine Frau Rebecca verloren. Ohne es Mrs Van Hopper wissen zu lassen, unternimmt de Winter mehrere Ausflüge mit der schüchternen Erzählerin. Als er sie dann kurzerhand auch noch heiratet und sie mit auf sein Anwesen Manderlay nimmt, scheinen für die junge Frau alle Träume in Erfüllung zu gehen. Doch schnell wird ihr klar, dass sie die übergroßen Fußstapfen der weltgewandten, schönen und scheinbar übermächtigen Rebecca nicht ausfüllen kann. 

Der Roman von Daphne du Maurier ist ein Klassiker, der in der Tradition der englischen Gothic Novel steht. Wir Leser erleben die Geschichte ausschließlich durch die Augen der gehemmten und zunächst kindlichen Erzählerin, der neuen Mrs de Winter. Wir werden Zeugen ihrer Einsamkeit und Verlorenheit im eiskalten Manderlay: Festgefahrene Tagesabläufe, leere Gespräche und die Gewissheit, dass die alte Mrs de Winter ihr in allen Belangen überlegen war, verunsichern sie und machen ihr klar, dass sie hier nicht gewollt ist. Aber ist das, was sie empfindet und beschreibt, wirklich die Realität? Während der Leser sich diese Frage stellt, wird er mit einer Besessenen, einem Verrückten und einer Leiche konfrontiert. Angefangen als mysteriöse Liebesgeschichte wird der Roman zu einem Krimi, an dessen Ende man fast geneigt ist, die Frage nach Schuld und Gerechtigkeit zu vergessen. Sehr empfehlenswert!
Verfilmt wurde der Stoff übrigens vom Meister Alfred Hitchcock als eine der wenigen Literaturverfilmungen, in welcher der Geist der Vorlage erhalten bleibt.

[i][Rezension von Christian Kraft][/i]</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=191</link></item><item><title>aufgelesen.org: "The Killer inside me" von Jim Thompson</title><pubDate>Sun, 27 Jun 2010 17:50:51 0</pubDate><description>Deputy Lou Ford ist ein geachtetes Mitglied der Gemeinde von Central City. Er ist ein bisschen langsam, von Zeit zu Zeit nervtötend langweilig, aber niemand ahnt, was für Dinge in seinem Kopf vorgehen. Fünfzehn Jahre lang konnte er seine dunklen Triebe erfolgreich unterdrücken, doch ein verhängnisvoller Auftrag führt ihn an den Rand der Stadt, wo er auf die Prostituierte Joyce Lakeland trifft. Die beiden beginnen ein Verhältnis und Lou spürt, dass seine dunkle Seite wieder zum Vorschein kommt. Joyce muss sterben, genauso wie Elmer Conway, der Sohn des Mannes, der vor Jahren seinen Halbbruder umbringen ließ. Der Doppelmord setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, in deren Verlauf immer weitere Menschen ihr Leben lassen müssen, um Lous Taten zu decken. 

Das Buch ist keine normale Crime-Geschichte, denn sie ist aus der Perspektive des Killers Lou Ford geschrieben: Ein Psychopath, der von seiner Außenwelt für dumm gehalten wird, aber in Wirklichkeit hochintelligent ist. Dies sorgt für eine paradoxe Situation, denn man kennt den Mörder schon von Anfang an. Das Buch bezieht seine Spannung vor allem daraus, dass man Lou dabei begleitet, wie er versucht, seinen Kopf immer wieder durch weitere Morde aus der Schlinge zu ziehen. 

Dem Autor gelingt es die Gedankengänge des Psychopathen nachvollziehbar zu machen und aus dieser Sicht wirken eben alle anderen Menschen wie überflüssig oder gar minderwertig. Durch die Sprache des Autors, die nüchtern aber realistisch ist, fühlt man sich, als wäre man direkt im Gehirn des Killers (oder als wäre man der Killer selbst), man identifiziert sich mit diesem Lou Ford und hofft bis zum Schluss, dass er seinen Verfolgern entkommen kann, auch wenn dafür weitere unschuldige Menschen sterben müssen. Dieses Buch appelliert an die dunkle Seite in jedem von uns und ist gerade deswegen so faszinierend.

[quote]I grinned, feeling a little sorry for him. It was funny the way these people kept asking for it. Just latching onto you, no matter how you’d try to brush them off, and almost telling you how they wanted it done. Why’d they all have to come to me to get killed? Why couldn’t they kill themselves?[/quote]

Das Buch hat in den 50er Jahren auf Grund der für damalige Verhältnisse expliziten Gewaltdarstellung für einen Skandal gesorgt. Heute sind wir viel Härteres gewohnt, doch bleibt das glaubhafte Psychogramm eines Serienkillers wider Willen.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=190</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Der Blindensturz" von Gert Hofmann</title><pubDate>Mon, 31 May 2010 22:08:11 0</pubDate><description>Im Jahr 1568 entstand in den Niederlanden ein Bild des Malers Pieter Breugel der Ältere mit dem Namen »Der Blindensturz«. Zu sehen sind sechs Männer in mittlerem Lebensalter, die allesamt in einer Menschenkette aufgereiht, sich aneinander festhalten und der Reihe nach hinzufallen drohen. Der erste in der Reihe, scheinbar der Anführer, liegt schon hingefallen im Bach, der zweite ist gerade im Sturz begriffen, die anderen vier werden hinterhergezogen. Von vieren der sechs Männer sieht man es genau, bei den zwei anderen lässt es sich vermuten: Die Männer sind blind.

Um dieses Gemälde herum spinnt Gert Hofmann seine wie das Bild betitelte Erzählung »Der Blindensturz«. Durchgehend in der zweiten Person Plural geschrieben, wird von der mühsamen Prozedur der blinden Männer, am Tag des Maltermins den Weg zum Haus des Künstlers zu finden und vom Malen des Bildes selbst berichtet. Dabei stellt sich eines ganz deutlich heraus: Dass jene, die sich in nichts auf der Welt wirklich sicher sein können, da sie es nicht sehen, sich auch auf niemanden verlassen können. Wie in einer Irrfahrt werden die Männer von einem Ort zum nächsten geschickt, müssen sich auf die Aussagen derjenigen verlassen auf die sie treffen, nur um doch wieder in die falsche Richtung geschickt zu werden – wegen der Gleichgültigkeit jener, die sehen können und sich nicht um das Schicksal der blinden Bettler kümmern. Wie ein willenloser Spielball gelangen sie von Person zu Person, stolpern und kriechen sie vorwärts in der Hoffnung, irgendwann doch noch das Haus des Malers zu erreichen.

[quote]Und dann, weil wir nicht sicher sind, ob Balthasar noch bei uns ist, rufen wir: He, Balthasar, bist du noch hier? Aber Balthasar antwortet nicht, wir sind also wohl alleine. Trotzdem immer wieder das Gefühl, dass uns einer sieht, einer, der schweigt, von schräg oben. Deshalb fassen wir uns wieder bei den Händen und rufen: He, schaut uns jemand an? Aber bis auf die Geräusche der Luft und der Erde und die, die wir selbst machen (mit unseren Herzen, unseren Lungen, unseren Kehlen, unserem Mund), ist alles still um uns.[/quote]

Gert Hofmann gelingt insbesondere durch die Wir-Perspektive und die besonders gut gelungene Darstellung der Orientierungslosigkeit der Männer ein sehr eingehendes Portrait menschlicher Beziehungen in einer Welt nahezu fehlender Nächstenliebe. »Wir« sind im Text die zwei Männer, die stets in der Mitte der Gruppe gehen, wenn mit Stöcken und langsamem Gang versucht wird, Schritt für Schritt vorwärts zu kommen. In ihrer hoffnungslosen Lage sind die Blinden auf die Güte anderer Menschen angewiesen, die ihnen jedoch zumeist verwehrt wird. Sogar der Maler, exzentrisch und selbst schon durch Krankheit bedroht von der Blindheit, dirigiert die Blinden nur wie besessen herum, dass sie wieder und wieder die eine Szene für ihn nachstellen, sich wieder und wieder in den Bach zu werfen, da er das menschliche Entsetzen und den Schrecken möglichst originalgetreu auf die Leinwand bannen will.

»Der Blindensturz« ist eine Erzählung wie ein vielschichtiges Gemälde, an dem man auch nach langem Betrachten noch neue Details entdeckt; eindringlich und erschreckend, scheinbar absurd und komisch. </description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=187</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Icks" von Ralf Bönt</title><pubDate>Sun, 30 May 2010 16:19:03 0</pubDate><description>Der erste Satz ist Programm: In Ralf Bönts Roman „Icks“ reihen sich seitenlange Sätze aneinander, die, ständig von Zwischeneinfällen unterbrochen, hektisch und unruhig erzählt wirken, und in ihrer Gesamtheit einen knapp 170 Seiten langen Monolog bilden.
Icks, der Erzähler des Ganzen, berichtet auf einem Flug von Deutschland nach New York seinem fast gänzlich stumm bleibenden Mitreisenden und „Gesprächspartner“ von seiner Reise in seine Heimatstadt, die er das erste Mal seit zehn Jahren wieder betritt. Detailliert schildert er die Fahrt durch die Stadt zu seinem Elternhaus, untermalt mit Erzählungen von Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend. Diese ostwestfälische Stadt, die der Erzähler lieber nicht beim Namen nennen möchte, die man aber durch einige Hinweise recht schnell als Bielefeld identifizieren kann, ist dem Erzähler mehr als verhasst.  
Nach seiner Promotion arbeitslos, führt sich Icks, 33-jähig und junger Vater, von seinen Eltern unter Druck gesetzt – insbesondere von seinem Vater, der immer wieder gern anführt, dass er selbst mit Anfang 30 schon Chef eines Unternehmens und gerade damit beschäftigt war, ein Haus für seine Familie zu bauen. Verständlich also, dass Icks den Besuch bei seinen Eltern meidet und der Frage, was er denn bislang in seinem Leben eigentlich erreicht habe, gern aus dem Weg gehen möchte. 
„Icks“ ist die Geschichte eines jungen Erwachsenen in den 1990er Jahren und aus dieser Perspektive sicherlich ein gelungenes Zeitportrait. Die dialoglose Ich-Bezogenheit des Erzählers, die Orientierungs- und Ziellosigkeit des Erzählers finden ihren Weg zum Leser. Doch bei den gewollt natürlich erscheinenden Sätzen, die sich in ständigen Gedankeneinschüben immer weiter verschachteln, droht man an mancher Stelle aus dem Lesefluss geworfen zu werden. Sätze wiederholen sich zum Teil fast wörtlich und scheinen ein Thema erst ewig und immer wieder zu umkreisen, bevor zu einem anderen Thema gesprungen wird.

[quote]...wo es mich umbringen wollte, das Schöne vielleicht, das schlichte Gute, das ja doch überall vorhanden ist, oder versteckt ist und sich aufdrängt und hineindrängt in alles, wenn es nicht immer gleich albern, kindisch und halt eben bloß lächerlich klänge. Scheiße, ich habe auch ein Recht auf meine Tragik! [Icks leert seinen Whisky.] Oder?? [… Ich bin jetzt überfordert und halte inne …][/quote]

Icks’ Gesprächspartner verbleibt meist stumm. Nur in eckigen Klammern fügt er ab und an hinzu, dass er Icks zustimmend zunickt oder mit den Schultern zuckt, meist beschreibt er nur kurz Icks’ Verhalten. Nicht nur der Mitreisende im Flugzeug scheint dadurch einer Quasselstrippe ausgeliefert zu sein – der gesamte Roman wirkt dadurch eher steif und undynamisch.
Ein Flug nach New York kann lang sein. Und genauso langatmig mag einem dieser Monolog erscheinen, der erst in der zweiten Hälfte des Romans ein wenig mehr an Fahrt gewinnt, wenn Icks nicht nur die Erinnerung an seine Heimatstadt Revue passieren lässt, sondern endlich auch auf den Besuch bei seinen Eltern eingeht. Sogar eine zaghafte Abgründigkeit mag sich dort plötzlich in der sonst eher harmlos bleibenden Familienkiste andeuten.
Vorgetragen hätte dieser Roman eventuell mehr Wirkungskraft gehabt, doch so verheddert man sich zu schnell in anstrengend diffusen Gedankengängen und Satzkonstrukten, zu dem nicht nur der Mitreisende ab und an mal nickt, größtenteils aber wohl hilflos mit den Schultern zuckt.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=186</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Gesichertes" von Hanna Lemke</title><pubDate>Sun, 30 May 2010 14:43:10 0</pubDate><description>Warum gibt es nur so wenige Kurzgeschichtenbände, die mich etwas angehen? Welche, deren Erscheinungsdatum nicht schon 20 Jahre oder länger her ist. Mit diesem Fazit ausgestattet, verließ ich die Preisverleihung des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2010. So viele fantastische Beiträge waren darunter gewesen, manche mit einem Einschlag von Judith Hermann. Und Judith Hermann scheint denn auch die einzige zu sein, die mit Erzählungsbänden nennenswerte Lorbeeren ernten durfte ohne vorher eine Reihe an erfolgreichen Romanen publiziert zu haben. »Es kann doch nicht angehen«, dachte ich, »dass niemand mehr anständige Erzählungen veröffentlicht.« Die Literaturempfehlungen der FAZ belehrten mich eines Besseren. Dort stellte man das Debüt Hanna Lemkes vor. Geboren 1981 in Wuppertal, studierte sie am Deutschen Literaturinsitut Leipzig und
lebt dieser Tage in Berlin. 

»Gesichertes« heißt ihr Buch mit Erzählungen und [i]Stories[/i] steht unter dem Titel. Das fand ich zunächst ein bisschen albern, nach dem Lesen aber durchaus passend. Die Bezeichnung fügt sich in die Geschehnisse und Charaktere vollkommen nahtlos ein.
In »Gesichertes« gibt es nur wenige Eindeutigkeiten. Jede Begebenheit läuft auf den ersten Blick sang- und klanglos in Unerheblichkeit aus. Ganz egal wie sie heißen, Sander und Tilman, Libbets, Judith und Jockel, Hanna Lemkes Protagonisten sitzen alle im selben Boot. Sie hängen im luftleeren Raum kurz vor, mitten im oder direkt nach einem Studium, wissen nichts mit sich anzufangen oder zumindest nicht, wo es hingehen soll. 

[quote]»Übrigens hat Papa mich letztens angerufen«, sagte Georg mit einem kleinen Lachen. »Er hat gefragt, ob ich das Elterngeld überhaupt noch bräuchte oder ob ich inzwischen anderweitig ein gesichertes Einkommen hätte.«
»Und, was hast du gesagt?«, fragte ich
Georg antwortete nicht. »Das fand ich nett, wie er das gesagt hat»«, sagte er nur. »Anderweitig ein gesichertes Einkommen.«[/quote]

Sich festzulegen macht Angst, Freunde mit einem eingängigen Alltag noch mehr. Nichts darf wichtig, nichts darf groß sein. Hanna Lemke schafft mit wenigen und dennoch dichten Worten und Sätzen eine Art wattig-weiche Pseudorealität, nur ohne Behaglichkeit. Und obwohl es nicht so scheint, stellt sie ohne Pomp und Künstlichkeit unterschwellig doch immer auch die essentielle Frage nach Sinn. 

[quote]Libbets schloss die Tür leise. Später klopfte ich bei ihr an. Ich wollte sie fragen, ob sie noch ein Glas Wein mit mir trinken wolle; ein letzter Versuch, dachte ich. Libbets hockte auf dem Boden neben ihren Kartons, als warte sie darauf, eingepackt und weggetragen zu werden.[/quote]

Nur die Antworten bleiben aus. Die Charaktere scheinen das gar nicht schlimm zu finden und zucken am Ende ihres Auftritts nur mit den Schultern. »Halt! Moment! Es ist doch noch gar nichts passiert.,« will man rufen. So schnell ist es vorbei. Lediglich zehn bis zwölf Seiten umfasst eine Geschichte. Erklärungen, Hintergründe, Details zu den Charakteren sind Mangelware, aber man gewöhnt sich, weil das Wichtige doch im Gefühl der Unsicherheit liegt, das allen Stories gemein ist. Wenn man auf der letzten Seite angelangt ist, macht sich Enttäuschung breit. Darüber, dass dieses Buch nicht mindestens doppelt so dick ist. Und dann blättert man zurück und fängt noch einmal von vorne an, um alles zu entdecken, das nicht gesagt worden aber doch da ist.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=185</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Saša Stanišic</title><pubDate>Wed, 12 May 2010 13:16:39 0</pubDate><description>Aleksander verarbeitet seine Kindheitserinnerungen aus einer Zeit, in der seine Heimat durch den Krieg in Stücke gerissen wurde. Naive Träumereien und poetische Anekdoten beleuchten die Absurdität und dabei auch die Menschlichkeiten und Normalitäten, die meist ausgeblendet werden wenn es um den Yugoslawien-Konflikt geht. Gerade die kindliche Erzähl-Perspektive bietet einen viel unverstellteren Blick auf Alltagssituationen von Menschen, die den Krieg weder wollten noch komplett verstehen, sich aber darin irgendwie zurecht finden müssen. 

[quote]Er schleift ein Grammophon hinter sich her, wie eine Gans zum Schlachten hat er es am Trichter gepackt, hebt es über die Schwelle. Gleich! Männer! Sika Seads Grammofon links, die glanzpolierte Kalaschnikow rechts. Gleich, gleich, gleich, hallt es im Treppenhaus, und die Bewaffneten und die Gefesselten horchen. Der Sieger mit dem größten Kopf der Welt setzt den Tonarm auf die Platte, aber nichts geschieht gleich ...[/quote]

Die Erzählstränge wirken teilweise sehr zerrissen und behandeln abwechselnd verschiedene Familienmitglieder und ihre Erlebnisse. Auffällig ist vor allem die Sprache: Aleksander erzählt fantasievolle Geschichten, die so, wie sie ihm einfallen, aufs Papier zu fließen scheinen: spontan, manchmal unzusammenhängend aber immer les- und nachvollziehbar. Durch diese Erzählungen schimmert nach und nach der hereinbrechende Krieg hindurch und wird durch die vielen Nuancen fast spürbar gemacht.

Seine Familie findet Asyl in Deutschland, wo er aufwächst. Ohne Anhaltspunkt kehrt Aleksander nach dem Krieg noch einmal zurück nach Bosnien um seine Kindheitsliebe wiederzufinden, Asija. Der Krieg brachte sie zusammen und trennte sie wieder. Aber er konnte sie in all der Zeit nicht vergessen.

Insgesamt ist das Buch eine liebevolle Auseinandersetzung eines jungen Autors mit seiner Heimat, die er als 14-Jähriger verlassen musste/konnte. Die Eindrücke, die die Erzählung hinterlässt, scheinen ebenso authentisch wie sie für seine Jugend prägend gewesen sein müssen. 

[i][Rezension von Christian Hoppe][/i]</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=184</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Und Nietzsche weinte" von Irvin David Yalom</title><pubDate>Mon, 10 May 2010 11:59:21 0</pubDate><description>Yalom inszeniert in diesem Roman ein fiktives Zusammentreffen zweier intellektueller Zeitgenossen des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Josef Breuer - erfolreicher und berühmter Wiener Arzt, Ziehvater Freuds und Vordenker der psychotherapeutischen Behandlung - und Nietzsche - im Jahre 1882 schwer erkrankt und in verzweifeltem Zustande nach dem Zerwürfnis mit zwei seiner engsten Vertrauten: Paul Ree und Lou Salomé. Letzterer gelingt es, Breuer zu einer Behandlung Nietzsches zu bewegen - ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen, da es ohne Wissen Nietzsches geschehen soll und für seine Leiden in dieser Zeit eigentlich keine Behandlung existiert.

Es entspinnt sich daraus eine Reihe von Gesprächen, in denen es Breuer nach und nach gelingt, das Vertrauen Nietzsches zu gewinnen, indem er selbst immer mehr zum Patienten wird. Dabei rückt Breuers eigenes Leben immer mehr in den Vordergrund: seine Ehe- und Sinnkrise und das Verlangen auszubrechen. Diese Gespräche entwickeln sich zu einer Art psychologischem Schachspiel, in dem es darum geht, über den anderen Geist Macht zu gewinnen, ihm Geheimnisse und Geständnisse zu entlocken. Dabei werden zentrale Gedanken von Nietzsches Philosophie verarbeitet und kommentiert.

[quote]»Ich habe einen zutiefst verzweifelten Freund. Es steht zu befürchten, er könnte sich in naher Zukunft das Leben nehmen. Das wäre für mich ein schmerzlicher Verlust, und überdies insofern tragisch, als ich selber daran einen gewissen Anteil hätte. Nun, das könnte ich ertragen und überwinden, doch... « - sie beugte sich vor und senkte die Stimme - » ... der Verlust ginge weit über meine Person hinaus; der Tod dieses Mannes hätte gewaltige Folgen - für Sie, für die europäische Kultur, für uns alle. Glauben Sie mir.«[/quote]

So spannend die Geschichte selbst auch anmutet bleibt es zumindest bis zum Schluss unklar, was von der Erzählung erfunden und was real ist. Yalom verwendet Originaldokumente, Briefe und Tagebucheinträge Nietzsches, Breuers und Lou Salomés, vermischt diese aber mit rein fiktiven Dokumenten, was erst im Nachwort aufgeklärt wird. Yaloms Darstellung Nietzsches schwankt dabei zwischen der eines originellen und genialen Geistes einerseits und der eines kranken, verbitterten und vereinsamten Kauzes: das übliche Motiv von Genie und Wahnsinn eben. 

Kurzum: ein ebenso experimentelles wie geistreiches Buch, dessen biographisches Anliegen nicht zu ernst genommen werden darf.

[i][Rezension von Christian Hoppe][/i]</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=183</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Und im Zweifel für dich selbst" von Elisabeth Rank</title><pubDate>Sun, 09 May 2010 13:38:13 0</pubDate><description>Lene und Tonia begeben sich auf eine Reise, sie fahren mit dem Auto raus aus Berlin, über die hintersten Dörfer und dann weiß Tonia, wo sie hinwill: Ans Meer. Nur weg von den Erinnerungen, weg aus der Stadt, in der man lebt und in der der Unfall passierte. Lenes Freund Tim ist tot, einfach so von einem Lastwagen mitten in der Stadt überfahren worden, und Tonia, als Lenes beste Freundin macht einfach das, was Lene will: Mit ihr zusammen wegrennen. Während der Fahrt erzählt Tonia aber kaum etwas von dem Tim, den sie kannte; gesprochen wird nicht viel, es ist still, langsam und das Buch lebt mehr von Beobachtungen und Erinnerungen als dem Jetzt. Alles wird nur ein wenig angedeutet, die Charaktere sind das, was man aus ihnen macht, man hat eine Vorstellung von ihnen, sie könnten aber genauso gut auch ganz anders sein.
Lene erzählt stückchenweise davon, wie sie Tim kennenlernte und Tonia von ihrer Beziehung zu Friedrich und Lenes Mitbewohner Vince. Und während Vince so ein wenig das Idealbild eines Romantikers ist, der einfach nur mit ihr zusammen sein will, ist Friedrich ein Spießer, der nicht mit Tonia redet, wenn es ihm schlecht geht und immer unsymphatisch bleibt, bis zum Ende hin, als alle auf Tims Beerdigung sind.

[quote]Es war auf eine Art und Weise still, wie es immer still ist, wenn es eigentlich keinen Platz für Menschen gibt.[/quote]


»Und im Zweifel für dich selbst« ist ein Buch über Verlust, aber auch über Freundschaft, das vor allem; und großartigerweise auch ein Buch, das einem immer an die selbst erlebten schönen Momente einer Freundschaft erinnert.

Elisabeth Rank schreibt in einer schönen Sprache, in einer teilweise nicht ganz alltäglichen, mit vielen Verwinklungen und Schnörkeln, aber eben sehr schön.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=182</link></item>
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