Linn Ullmann

Gnade

Als ihm der junge Arzt nach einigem Hin und Her die neue Diagnose offenbarte und sich ein wenig halbherzig darüber ausließ, welche Behandlungsmethoden seiner Meinung nach angemessen wären, ohne jdoch zu verheimlichen, dass das Elend meinen Freund Johan Sletten am Ende das Leben kosten würde, schloss Johan die Augen und dachte an Mais Haare.

Der Zeitungsredakteur Johan Sletten erfährt mit 71 Jahren, dass er bald sterben wird. Er blickt zurück auf ein Leben, das im Ganzen nichts besonderes war. Er hat sich nie besonders hervorgetan, nichts besonderes geleistet, war kein guter Vater und im Grunde nur ein schwacher Mensch. Seine erste Frau ist vor vielen Jahren gestorben und er trauert ihr keine Träne nach. Seinen Sohn hat er seit 8 Jahren nicht mehr gesehen. Doch da gibt es noch Mai, seine zweite Frau, seine große Liebe und die Gnade seines Lebens. In ihrer Gegenwart fühlt er sich stark, ihre Liebe zu ihm macht ihn stolz. Als der Arzt ihm mitteilt, dass sein Gesundheitszustand 'alamierend' ist, denkt er zuerst an Mais wunderschönes Haar, das sogar im Dunkeln zu glänzen scheint. Er denkt an ihre schönen, ruhigen Hände.

Das Buch ist eine Sammlung aus Momentaufnahmen aus Johans Leben. Schöne, traurige und mitreißende Momente. Und als Johan dem Ende seines Lebens entgegen sieht, keimt in ihm nur ein einziger Wunsch auf: Er möchte in Würde sterben und nicht auf so unwürde Weise wie sein Vater, der am Ende gar nicht mehr er selbst war. Darum wendet er sich mit der Bitte an Mai, seinem Leben zu gegebener Zeit ein frühzeitiges Ende zu setzen, bevor er beginnt, nicht mehr er selbst zu sein, bevor sein Körper anfängt zu verfallen.

Er betrachtete sie, und sie wusste es nicht. Der glänzende, graue Zopf war am Ende des Tages ganz zerzaust, lose Haare standen in allen Richtungen ab, sie hatte eine runde Lesebrille auf der Nase und rote, heiße Wangen. Er streckte eine Hand aus, um ihr über die Wange zu streichen, aber er wollte sie nicht stören und zog die Hand wieder zurück.
Es könnte hier zu Ende sein. Ohne Schmerzen, ohne Schreie und Angst und Demütigungen. Nur dieser eine Augenblick - Johan und Mai und die Flammen im Kamin - und dann eine lange schwarze Nacht.
Hand in Hand mit der besten Freundin. So könnte es enden.


In dieses schmale Buch passt eine Geschichte, die tief unter die Haut geht. Linn Ullmann befasst sich in diesem Buch mit dem Thema aktive Sterbehilfe auf eine ergreifende und vor allem lesenswerte Art und Weise.
ISBN 3426196522, Droemer 2004, 160 Seiten, gebunden, € 8,95
rezensiert von Rebecca am 23.02.2008