Amélie Nothomb

Im Namen des Lexikons


Die Tänzerin schmiegte sich in die Arme ihrer Mutter. Die Mutter liebkoste und hätschelte sie, sagte ihr Schmeicheleien, rieb ihr den Rücken, überhäufte sie mit tausend Zärtlichkeiten, wie sie nur die besten aller Mütter ihren Töchtern gewähren.
Plectrude war selig. Sie schloss die Augen vor Wonne. Keine Liebe, dachte sie, könnte ihr so viel bedeuten wie die Liebe ihrer Mutter.


Plectrude, ein extravaganter Name für ein außergewöhnliches Mädchen, mit märchenhaftem und doch herzzereißend traurigem Schicksal. Nachdem die Mutter den Vater ermordet und sich im Gefängnis erhängt, wächst Plectrude bei ihrer Tante auf, die für sie nun Mutter und größte Verehrerin wird. Plectrude ist anders als andere Kinder. In der Schule beißt sie sich gerade so durch. Sie interessiert sich für nichts - außer fürs Ballett - und genau dort stellt sich die hohe und einzige Begabung dieses Kindes mit den erstaunlich schönen und beängstigt fesselnden Augen heraus.

Mit angehaltenem Atem betrachtete die Kleine ihr Bild im Spiegel. In dem vergoldeten Rahmen entdeckte sie eine dreijährige Königin, eine goldbehangene Priesterin, eine persische Braut am Hochzeitstage, eine byzantinische Heilige, die sich für eine Ikone malen ließ. In diesem unsinnigen Bild von sich selbst erkannte sie sich wieder.
Jeder andere hätte laut aufgelacht beim Anblick dieser wie für einen Schrein des Wahnsinns herausgeputzten Göre. Clémence lächelte, aber sie lachte nicht: Mehr als das Komische der Szene berührte sie die Schönheit der Kleinen. Es war eine Schönheit, wie man sie auf Strichen in den Märchenbüchern aus verflossenen Zeiten fand.


Amélie Nothomb trägt den Leser 148 Seiten lang zeitweise wie auf Wolken um ihn dann ebenso abrupt wieder fallen zu lassen und zeigt uns, wie schnell aus Mutterliebe Wahnsinn werden kann.
Ihre klare Sprache und manchmal vielleicht etwas verdrehte Denkweise macht "Im Namen des Lexikons" zu einem wunderbar fesselnden Buch, das im Leser die verschiedensten Gefühle hervorruft. Einzig zu bemängeln ist das etwas abrupte Ende der Geschichte, das einerseits passend, andererseits aber auch etwas enttäuschend, aber keineswegs vorhersehbar ist.
ISBN 3257234554, Diogenes 2003, 148 Seiten, broschiert, € 7,90
rezensiert von Rebecca am 08.12.2007