Serhij Zhadan
Anarchy in the UKR
1. Eisenbahnunfälle. Anfang August holte mich Ljoschka in Charkiw ab, und wir haben dann auf dem Bahnhof gleich zwei Fahrkarten für den Nachtzug genommen.
Es geht um Nichts, Nichts, Nichts. Und Alles. Unglaublich schwer zu begreifen, und unbegreiflich, warum ich so über alle Maßen begeisterungsfähig bin für Zhadans Wortfetzen.
In vier Teile sind sie eingeteilt, diese Fetzen, und innerhalb dieser Teile lässt sich annährend so etwas wie Konsistenz erkennen, aber im Grunde zerfasert alles um ein paar Leitbilder herum. Oh, herrlich;
Alles was spannend ist, spielt sich auf Bahnhöfen ab, und je kleiner der Bahnhof, um so mehr Spannendes.
Vielleicht eines der Leitmotive. oder auch wieder nicht. vielleicht ist es vielmehr das:
So oder so hängt alles an der Musik - deine Bekanntschaften und schlechten Gewohnheiten, wie du im Bett bist und wen du wählst und ob du überhaupt wählen gehst.
Diese zwei Zitate sagen bei weitem nicht alles, aber sie deuten an, was mich diese Worte so sehr lieben lässt. Züge, Bahnhöfe und Musik. dazu noch (Industrie)ruinen und mehr braucht es für mich nicht. Außer natürlich Worte, viele, viele Worte darum und darüber und überhaupt, Worte über den Konsum von Gras und Alkohol, Worte über irgendwelche ukrainischen Dichter und Musiker und Generäle, die real vielleicht gar nicht existier(t)en, aber wen kümmert das schon?
Wenn ihnen das gelingt, [...] senkt sich das Himmelszelt um einige Yard ab und zerquetscht mit seinem massigen Bierbauch den gläsernen Sarkophag über unserer Stadt, und Tausende Schmetterlinge, die in den verlassenen und zerbombten Gemeinschaftswohnungen dieser herrlichsten aller Städte in ihren Kokons schliefen, flattern plötzlich durch die verkohlten Schießscharten und verteilen sich auf die jungen, neu errichteten Megastädte des guten alten Europa und des ebenso alten, aber schon weniger guten Amerika, wobei sie auf ihren federleichten Flügeln die Gute Nachricht und alltägliche Infektionen tragen.
Ich sage: werft das Buch in die Ecke, wenn ihr nicht zuvor etwas anderes von Zhadan gelesen habt. Ich glaube, man muss ihn schon sehr lieben, um diesem Textsammelsurium etwas abgewinnen zu können. Es geht in etwa so viel um Anarchie, wie es in Depeche Mode um Depeche Mode ging. Was ich dort über die Sprache sagte, lässt sich in leicht abgeschwächter Form auch über Anarchy in the UKR sagen; das Buch entstammt dem selben Kosmos. Jedes weitere Wort, das ich dieser Un-Rezension hinzufügen könnte, wäre verschwendet; man muss einfach eintauchen in den Kosmos Zhadans.
ISBN 3518125222, Suhrkamp 2007, 217 Seiten, broschiert, € 10,00
rezensiert von Vera am 09.12.2009
rezensiert von Vera am 09.12.2009
Du machst so neugierig! Aber erst Depeche Mode, ja!
Kommentar von Diana am 13.12.2009
