Roger Repplinger
Die Söhne Sachnins
Sie sitzen auf mächtigen, braunen Felsen. Einen Schal um den Hals, die Knie angezogen, den Kopf in der aufgestützten Hand. In der Luft liegt eine Wolke von Lakritz. Stammt von zwei großen Wasserpfeifen, an denen vier junge Männer ziehen, die es sich auf Campingstühlen bequem gemacht haben. Auf einem niedrigen Tischchen stehen Teegläser, aus denen Minzblätter hängen.
»Die Söhne Sachnins« ist ein forderndes Buch. Es fordert vom Leser Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen. Wer nicht bereit ist, das Werk Roger Repplingers feinfühlig und ausdauernd zu lesen, dem wird das Wesentliche unwiederbringlich verloren gehen.
Repplinger beschreibt den Fußballclub »Bnei Sachnin« (Die Söhne Sachnins), den einzigen arabischen Verein der ersten israelischen Liga. Gleichzeitig ist es einer der wenigen Vereine, bei welchem Juden und Muslime gemeinsam Fußball spielen und sich damit bewusst oder unbewusst für eine Integration der arabischen Minderheit innerhalb des Staates Israel aussprechen – womit die Spieler weit über die gewöhnlichen Integrationsbemühungen der einzelnen Bevölkerungsgruppen hinausgehen.
Bnei Sachnin ist keine arabische Mannschaft, keine israelische Mannschaft. Bnei Sachnin ist ein Ideal von Israel. Wenn Israel Frieden will, muss es werden wie Bnei Sachnin. Von Bnei Sachnin könnte Israel eine Menge lernen.
Es ist ein Verdienst der besonnenen Vereinsführung, die den Fußball als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln versteht. Die Erstligamannschaft Sachnins macht, indem sie sich trotz häufiger Benachteiligung und finanzieller Probleme Spieltag für Spieltag behauptet, auf die Missstände und die politische Ungleichbehandlung der arabischstämmigen Bevölkerung Israels aufmerksam.
Der Autor geht in seiner Reportage jedoch weit über die politischen und sportlichen Interessen Bnei Sachnins hinaus. Er schildert auf eine sehr einfache und leider oft kitschige Weise die arabische Gastfreundschaft, verschiedene Bräuche bis hin zu den üblichen Essritualen. Dabei verspürt der Leser unweigerlich das Gefühl, Repplinger habe unbedingt etwas für die Muslimen tun wollen. Tatsächlich wird intensiv für ein Verständnis der arabischen Kultur geworben, auf Traditionen sowie die Geschichte der arabischen Bevölkerung hingewiesen. Zusätzlich erfährt der Leser einige Details über die Herkunft und Hintergründe des Islam.
Wir lernen: Die erste Tasse ist Ausdruck von Gastfreundschaft des Gastgebers. Mit der zweiten Tasse signalisiert der Gast dem Gastgeber: Es hat mir geschmeckt, dein Kaffee ist hervorragend, dein Haus ist schön, ich fühle mich wohl, wir werden Freunde .... Die dritte Tasse ist aber unverschämt. Die dritte Tasse entlarvt den Gast als Schnorrer.
Neben der einfachen Sprache ist gerade die angesprochene Vielfalt Segen und Fluch zugleich. Repplinger scheint sich nicht entscheiden oder auf ein Genre konzentrieren zu wollen. Was als eine Sportreportage beginnt, mutiert phasenweise zu einem Geschichts- teilweise zu einem politischen Werk über den Nahostkonflikt. Dies mag für einige Interessierte lehrreich sein, für den Durchschnittsleser bringt es gewisse Längen mit sich.
Gerade in diesen Momenten ist die anfangs angesprochene Ausdauer gefragt. Der Leser muss sich dieses Buch erarbeiten, muss sich teilweise durch seitenlange Geschichtspassagen durchkämpfen, um letzten Endes zu den wirklich lesenswerten Absätzen zu gelangen. Doch widmet sich der Leser aufmerksam jenen Zeilen, wird er durch Sätze belohnt, die durch eine tiefe Wahrheit überzeugen.
[Rezension von Martin]
ISBN 3936261423, Bombus Media 2005, 512 Seiten, gebunden, € 19,90
rezensiert von Gast am 21.10.2009
rezensiert von Gast am 21.10.2009
