Peter Schalmey

Versuchte Liebe

Ich sehe sie deutlich: allein steht sie weit hinten, wo sich die Leute nicht mehr drängen. Die meisten Leute tragen Plakate. Sie trägt nichts weiter als einen Regenschirm. Sie kommt mir so bekannt vor, daß ich am Rücken friere und im Gesicht weiß werde. Ich habe ein Jahr Zeit gehabt, um auf diesen Augenblick zu warten, aber gewartet habe ich nur die letzten achtundvierzig Stunden lang, wo nach all dieser Zeit jede Stunde plötzlich eine Stunde zuviel war.

Es ist ein Buch über Liebe und aber auch wieder nicht. So wie die Beziehung zwischen den zwei Hauptpersonen Lisa und ihrem Partner wohl manchmal Züge von Liebe trägt, aber eben nicht immer. Vielleicht sogar nie. Aber was ist Liebe überhaupt? Der Titel sagt es eigentlich schon ganz gut: Liebe wird hier versucht, in einem zweiten Anlauf sogar, nachdem sich das Paar jahrelang nicht gesehen hat und vorher ohne großen Rummel auseinandergegangen war. Sie blieb in Deutschland, er ging nach Amerika. Und so wie es bei Versuchen oft ist, geht vieles drunter und drüber.

Nach seiner Rückkehr ziehen sie wieder zusammen, versuchen erneut, eine Beziehung aufzubauen, die ihren Liebeswünschen entsprechen soll. Doch welche sind das? Das wissen die Protagonisten selbst nicht, genauso wenig wie sie wissen, warum sie es gerade wieder mit diesem einen Partner ausprobieren, den sie lieben, aber auch irgendwie wieder nicht – vielleicht mögen sie sich nur, freundschaftsweise. Liebe scheint für sie im Alltag unmöglich zu sein, so oft rammen sie in ihren unterschiedlichen Ansichten, Lebensgewohnheiten, Eigensinnigkeiten und Missverständnissen gegeneinander. Sie scheinen sich einfach nicht zu verstehen.

Doch ist es nicht nur die Liebesunmöglichkeit, die Schalmey in seinem Werk auf sehr nüchterne Art und Weise anklingen lässt, sondern ebenso der Aspekt der Vorläufigkeit, mit der seine Figuren in eine Beziehung hineingehen:

Weitergehen, ohne sie zu trösten. Etwas Falsches gesagt. Ich sage, daß es nichts Furchtbares ist. Ich meine, sage ich, was du mir nicht sagen kannst. Ich erkläre, daß ich Geduld haben will. Ach was, sagt Lisa, Geduld. Und sie erklärt, daß sie ja immer in der Gefahr leben würde, mich zu verlassen, falls sich das nicht verändert. Ich sage: In Gefahr leben, wie verstehst du das genau? Und sie: Immer, wenn ich einen Mann kennenlerne, der mir gefällt. Stockt, und dann: Ich würde die Hoffnung nicht aufgeben.


„Versuchte Liebe“ ist ein sehr komplexes Buch über die Liebe und all ihre Begleiterscheinungen, doch ist es kein Roman im herkömmlichen Sinne. Es ist wie eine sachliche Analyse, die die Beziehung zwischen dem Erzähler und Lisa genau unter die Lupe nimmt und Fallstudien betreibt. Die Auswertung bleibt dem Leser überlassen.
ISBN 3548260551, Literatur heute! 1981, 197 Seiten, broschiert, €
rezensiert von Anne am 23.04.2009